Festes Fundament in bewegter Zeit: Gründung der evangelischen Kirchengemeinde

Die alte Christuskirche mit dem Konfirmandensaal in der Mitte der 1950er Jahre. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)
Die alte Christuskirche mit dem Konfirmandensaal in der Mitte der 1950er Jahre. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)

Mit den Plänen für den Abriss ihres Gemeindezentrums „Haus der Mitte“ macht die evangelische Kirchengemeinde derzeit von sich reden. Vor 120 Jahren wurde ihr erstes Gotteshaus in Rünthe eingeweiht. Damals gehörten die evangelischen Christen im Ort dem Kirchspiel Herringen an. Der alte Kirchweg, der in früher Zeit an Sonntagen für den Gottesdienstbesuch in der Herringer St. Victor-Kirche genommen werden musste, führt heute noch durch die Bumannsburg.

Die Christuskirche an der Werner Straße wurde 1989 abgerissen. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)
Die Christuskirche an der Werner Straße wurde 1989 abgerissen. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)

Erst mit dem Bau der Rünther Zechenkolonien wurde die Zahl der Gemeindemitglieder so stark, dass eine seelsorgerische Betreuung vor Ort nötig wurde. Trafen sich die evangelischen Christen gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts behelfsmäßig für ein paar Jahre zum Gottesdienst im Saalbau der Gaststätte Jockenhöfer (damals „Zum Schwarzen Diamanten“), wurde alsbald ein Kirchenbauverein gegründet, der fleißig Spenden für die Errichtung einer eigenen Kirche in Rünthe sammeln sollte. Schließlich stellte der Landwirt Schulze Wedeling ein Grundstück an der Werner Straße zur Verfügung. Das Startkapital von eintausend Reichsmark spendierte die Zeche Werne. Am 4. Dezember 1902 konnte die alte Christuskirche mit einem Festgottesdienst eingeweiht werden. Schon drei Jahre später wurde den Protestanten aus den damaligen Altgemeinden Heil, Rünthe, Stockum und Werne gestattet, sich aus dem Kirchspiel Herringen auszupfarren und eine eigene Kirchengemeinde zu bilden. In der Dortmunder Zeitung vom 4. September 1905 heißt es dazu: „Die Verhandlungen wegen einer Pfarrstelle in Rünthe sind nunmehr zum Abschluss gekommen. Soeben ist die Errichtungsurkunde, unterzeichnet von dem Königl. Konsistorium in Münster sowie den Königl. Regierungen in Arnsberg und Münster, eingetroffen. Hiernach ist mit Genehmigung des Ministers der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten folgendes festgesetzt: 1. Die Evangelischen in den Landgemeinden Rünthe und Heil im Kreise Hamm werden aus der Kirchengemeinde Herringen, Synode Hamm, ausgepfarrt und mit den Evangelischen der Stadt Werne und der Landgemeinden Werne und Stockum im Kreise Lüdinghausen zu einer selbstständigen Kirchengemeinde Rünthe, Synode Hamm, vereinigt. 2. Die Pfarrstelle zu Haus Reck, Synode Unna, wird in die Kirchengemeinde Rünthe als deren Pfarrstelle mit dem Sitz in Rünthe verlegt.3. Diese Urkunde tritt am 1. Oktober 1905 in Kraft.

Verkauf der Reck'schen Pfarrgüter im Jahre 1906. (Quelle: Dortmunder Zeitung)
Verkauf der Reck'schen Pfarrgüter im Jahre 1906. (Quelle: Dortmunder Zeitung)

Durch die Übernahme der Pfarrstelle von Haus Reck kam mit Hermann Goßlich nicht nur ein fähiger Pastor nach Rünthe, sondern auch eine prall gefüllte Reck’sche Kirchenkasse, die den Bau eines Pfarrhauses und eines Konfirmandensaals gleich neben der Christuskirche erlaubte. Am Sylvestertag des Jahres 1905 wurde in der Rünther Kirchengemeinde erstmals ein Presbyterium gewählt. Alte Zeitungsberichte geben Auskunft über die ersten Mitglieder: Betriebsinspektor Bruckmann, Lehrer Heitland, Landvermesser Winter, Maschinist König, Gutsbesitzer Keinemann und der Wirt Knobloch. Außerdem wurde eine Reihe von Ersatzmitgliedern gewählt, darunter Bergwerksdirektor Eickelberg, die Gutsbesitzer Schulze Bögge, Schulze Wedeling, Middelschulte und Lippmann-Heil, der Fahrhauer Krebs und der Maschinist Höner. Bis 1925 wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder so rasant, dass Werne und Stockum aus der Rünther Kirchengemeinde wieder ausgepfarrt wurden, um sich selbstständig zu machen.

Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen
Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen

Pastor Hermann Goßlich aber blieb bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1935 in der Bergbaugemeinde. Beachtlich sind die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche, die er in den drei Jahrzehnten seines Wirkens erlebt hat: Arbeiterbewegung, Erster Weltkrieg, Sturz der Hohenzollern-Monarchie und das Ende des preußischen Protestantismus, die Gründung der Weimarer Republik, Kapp-Putsch und Ruhraufstand von 1920 und das Aufkommen des Nationalsozialismus. Er war ein Seelsorger in bewegten Zeiten und baute doch ein festes Fundament, das die evangelischen Christen in Rünthe bis heute trägt.

Innenraum der alten Christuskirche. (Foto: Waldo Müller)
Innenraum der alten Christuskirche. (Foto: Waldo Müller)