August Kühler: Vom KZ-Häftling zum Bürgermeister

August Kühler im Jahr 1949 (Bildnachweis: Kreisarchiv Unna)
August Kühler im Jahr 1949 (Bildnachweis: Kreisarchiv Unna)

August Kühler war der letzte Bürgermeister der Altgemeinde Rünthe. Bis heute genießt er im Ort große Wertschätzung. Den älteren Einwohnern ist er als sozialdemokratischer Kümmerer in Erinnerung geblieben, dabei war sein eigener Lebensweg von Höhen und Tiefen geprägt. Historisch darf man ihn als einen der Gründerväter der Stadt Bergkamen betrachten.

 

August Kühler wurde am 30. Dezember 1901 in Zedlitzheide im damaligen Landkreis Waldenburg in Niederschlesien geboren. Mit 21 Jahren heiratete er Martha Zeipert. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Tochter Elsbeth wurde 1922 noch in Schlesien geboren, Sohn Fritz 1927 in Rünthe. Drei Jahre zuvor war die junge Familie in die Bergbaugemeinde gekommen, wo es in den Kolonien der Zeche Werne eine große Einwohnergruppe von Arbeitsmigranten aus dem Kreis Waldenburg gab. Kühler erhielt Arbeit auf der Zeche und gehörte zur Belegschaft am Schacht III. Die Familie wohnte zunächst in der Barbarastraße (heute Taubenstraße), dann Waldstraße 89 (heute Beverstraße) und später für lange Jahre in der Westfalenstraße 58. In den 1920er Jahren durchlebten die Bewohner der Zechenkolonien eine schwere Zeit, die von wirtschaftlicher Not und politischer Instabilität geprägt war. Rünthe galt dabei als Hochburg der kommunistischen Arbeiterbewegung. Auch Kühler engagierte sich in der KPD. Als Folge der Weltwirtschaftskrise wurde der Schacht III im Jahre 1930 stillgelegt. Viele Bergleute gingen in die Arbeitslosigkeit und waren von bitterer Armut betroffen, darunter auch August Kühler. Seine Familie musste für mehrere Jahre von der Wohlfahrt leben.

Die Akten im Kreisarchiv geben Auskunft über die Haft. (Quelle: Kreisarchiv Unna)
Die Akten im Kreisarchiv geben Auskunft über die Haft. (Quelle: Kreisarchiv Unna)

Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 gerieten Sozialdemokraten und Kommunisten ins Visier der Nazis, deren Säuberungsaktionen sich zunächst gegen politische Gegner richteten. Wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD wurde August Kühler am 10. März 1933 von der Gestapo verhaftet und ohne ein Urteil in sogenannte Schutzhaft genommen. Im Kreisarchiv Unna sind durch alte Akten die Stationen seiner Haftzeit dokumentiert: Gerichtsgefängnis Hamm, Zentralgefängnis Wittlich/Mosel, KZ Schönhausen und die Konzentrationslager Neusustrum, Börgermoor und Esterwegen. Die Lager im Emsland wurden durch das Lied „Die Moorsoldaten“ bekannt, das die KZ-Häftlinge 1933 schufen und zur Hymne des Widerstands der politischen Gefangenen erhoben.  Als August Kühler am 15. Mai 1934 aus dem KZ entlassen wurden, hatte er eine Haftzeit von 14 Monaten hinter sich. Von den körperlichen Misshandlungen seiner Peiniger, darunter Schläge mit dem Gewehrkolben, berichten die alten Akten. Als politischer Staatsfeind blieb Kühler weitere zwei Jahre von einer beruflichen Tätigkeit ausgeschlossen. Erst im Oktober 1936 durfte er wieder als Hauer auf der Zeche Werne I/II anfahren. Zuvor hielt er sich und seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten bei den Bauunternehmungen Wind in Pelkum und Kiefer in Duisburg über Wasser. Das Blatt wendete sich für August Kühler mit dem Ende der NS-Herrschaft. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg rief die Besatzungsmacht einen Vertrauensausschuss ein, dem politisch unbelastete Persönlichkeiten aus der Gemeinde angehörten. August Kühler wurde Mitglied dieses provisorischen Gemeinderats, dem außerdem Franz Arenz, Josef Hillmann, Franz Neumann, Fritz Schmidt, Max Dittrich, Ernst Rüffler, Karl Schnabel, Wilhelm Lichtenberg und Josef Giesen angehörten.  Am 15. September 1946 fand die erste Kommunalwahl nach der NS-Diktatur in Rünthe statt. Kühler zog für die KPD in den Gemeinderat ein und wurde zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt. Das Amt hatte er bis 1952 inne, dann schied er zunächst aus.

Ein Jahr zuvor wurde ein Verbotsverfahren gegen die Kommunistische Partei Deutschlands auf den Weg gebracht und 1956 vollzogen. Viele Mitglieder verließen in der Zwischenzeit die Partei. Kühler wechselte zur SPD und kandidierte bei der Kommunalwahl von 1956 wieder für die Gemeindevertretung. Erneut wurde er zum Stellvertreter von Bürgermeister Paul Prinzler gewählt. Als dieser 1963 überraschend starb, trat August Kühler seine Nachfolge an.

Die Beispielgrafik zeigt, wie der Stolperstein für Kühler aussehen könnte.
Die Beispielgrafik zeigt, wie der Stolperstein für Kühler aussehen könnte.

Zur herausragenden Aufgabe seiner Amtszeit wurde die kommunale Neugliederung. Im Stadtarchiv findet sich eine alte Fotografie aus dem Jahre 1964, die die Bürgermeister der damaligen Altgemeinden bei der Unterzeichnung des Gebietsänderungsvertrags zur Gründung der Stadt Bergkamen zeigt. In den Geschichtsbüchern hat er als letzter Bürgermeister der Gemeinde Rünthe und als einer der Gründerväter der heutigen Stadt Bergkamen seinen Platz. Er starb am 29. Juli 1972 in seinem Zechenhaus in der Westfalenstraße. Jüngst hat eine Initiative engagierter Bürger die Teilnahme am Erinnerungsprojekt der Stolpersteine angeregt, mit dem bereits in vielen Städten der Verfolgten des Nationalsozialismus gedacht wird. Ein Stolperstein soll August Kühler gewidmet werden, um an sein Schicksal als KZ-Häftling und „Moorsoldat“ zu erinnern. Die Steine werden am jeweils letzten freiwilligen Wohnsitz der Opfer in den Gehweg eingelassen. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war August Kühler in der Waldstraße 89 gemeldet, die mit der Gründung der Stadt Bergkamen in Beverstraße umbenannt wurde.