Jüdisches Leben in Bergkamen

Heute wird in vielen Städten der Novemberpogrome von 1938 gedacht. In der Ortsgeschichte Bergkamens nimmt jüdisches Leben nur ein kleines Kapitel ein. Die früheren Altgemeinden waren vor Beginn der Bergbau-Ära überschaubare Bauerndörfer mit nur wenigen Einwohnern. In Heil, Oberaden, Rünthe oder Weddinghofen hatten sich keine Juden angesiedelt. Erst ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg ließen sich in der Altgemeinde Bergkamen die jüdischen Eheleute Hermann und Amalie Hertz nieder, um in der heutigen Präsidentenstraße ein Bekleidungsgeschäft zu betreiben. Ihre Töchter Grete und Lieselotte wurden hier 1911 bzw. 1922 geboren. In der Gemeinde waren die Eheleute Hertz geachtet und wegen ihres wohltätigen Engagements beliebt.

Doch mit der NS-Diktatur brachen für die Familie schwere Zeiten an. Bereits 1935 wurde ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Im Jahr 1936 heiratete Tochter Grete den aus Mülheim an der Ruhr stammenden Geschäftsmann Heinz Katz. Mit ihm wanderte sie zwei Jahre später in die USA aus. Weil der Druck auf Familie Hertz immer größer wurde, erfolgte 1938 noch vor den Pogromen und der Zwangsarisierung der Verkauf des Ladens an den Kaufmann Kroes aus der Nachbarstadt Werne. Unter diesem Namen existiert das Textilgeschäft bis heute am Nordberg. Vorübergehend lebte Familie Hertz anschließend in Mülheim und Essen, um von dort die Auswanderung umzusetzen, die treffender als Flucht bezeichnet werden muss. Vermutlich dürfte der Erlös aus dem Verkauf ihres Geschäfts das Entkommen ermöglicht haben. Über Kuba wanderten Hermann, Amalie und Lieselotte Hertz im Jahre 1941 in die USA ein und ließen sich in Kalifornien nieder. Die Einbürgerungsunterlagen sind bis heute im kalifornischen Einbürgerungsregister zu finden

Zeitungswerbung der Boutique von Grete Katz. (Quelle: Long Beach Independent)
Zeitungswerbung der Boutique von Grete Katz. (Quelle: Long Beach Independent)

In Long Beach bei Los Angeles hatte Grete Katz mit ihrem Mann 1940 eine Modeboutique eröffnet, die sie über mehrere Jahrzehnte erfolgreich führte und die ihr in der Region zu einer gewissen Bekanntheit verhalf. Ganz wie ihre Eltern früher in der Altgemeinde Bergkamen, engagierte sich Grete Katz als Wohltäterin in der Kranken- und Behindertenhilfe. In den 1950er Jahren soll sie für einen Besuch in die alte Heimat zurückgekehrt sein und dabei ihre Schulfreundin aus alten Tagen getroffen haben.

Schwester Lieselotte nannte sich in den Staaten ‚Charlotte‘ und heiratete 1949 Irving Hofman. Aus der Ehe gingen die Kinder Vivian und Marc hervor, die in Kalifornien leben. Vivian wurde beruflich als Geschäftsführerin einer großen jüdischen Wohlfahrtsorganisation tätig, ihr Bruder Marc ist bis heute als TV-Produzent erfolgreich. Charlotte Hofman starb am 1. Mai 2005 kurz vor ihrem 83. Geburtstag, Schwester Grete am 30. Dezember 2010 im Alter von 99 Jahren.

Neben der Familie Hertz gab es mit Max Herrmann ab 1926 auch in der Altgemeinde Overberge einen Juden. Der Frisör war mit der aus dem Ort stammenden Alma Wendel verheiratet und führte eine durch die Rassenideologie der Nazis stigmatisierte Mischehe. Wie durch ein Wunder blieb der Frisörsalon an der Werner Straße von den Pogromen am 9. November 1938 verschont. Doch schon drei Tage später wurde Herrmann in Schutzhaft genommen und in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Nach sechs Wochen entließ ihn das NS-System wieder aus der Haft, denn Herrmann war ein mit dem Eisernen Kreuz hoch dekorierter Soldat des Ersten Weltkriegs, der treu für sein Vaterland gekämpft hatte. 1939 zog er mit seiner Frau nach Köln, um als Jude unauffällig in der Großstadt leben zu können. Drei Jahre später war der Verfolgungsdruck so groß geworden, dass Max Herrmann bei Verwandten seiner Frau in Werne-Stockum untertauchte. Dort blieb er bis zum Ende der Diktatur versteckt und überlebte die Shoah. In den Jahren 1942 und 1947 wurden die Söhne Klaus und Kurt geboren. Der Betrieb des Frisörsalons an der Werner Straße wurde in der Nachkriegszeit wieder aufgenommen. Im Jahr 1951 wanderte die Familie Herrmann dann in die Vereinigten Staaten aus. Vermutlich wollte Max Herrmann in Anbetracht des schrecklichen Verbrechens an sechs Mio. Juden nicht mehr in Deutschland leben. Im offiziellen Gedenken der Stadt Bergkamen spielen die wenigen Juden, die einst in den Altgemeinden lebten, nur eine untergeordnete Rolle. Dabei konnten sie nur durch rechtzeitige Flucht den Holocaust überleben. Stolpersteine, die an die Verfolgten erinnern, finden sich heute in allen Städten und Gemeinden des Kreises Unna. Nur nicht in Bergkamen.

 

(Herzlichen Dank an Nancy Myers vom Ahnenforscherstammtisch Unna für die Unterstützung meiner Recherche!)