Alte Straßennamen in Rünthe

Die 90 Jahre alte Aufnahme zeigt die Landwehrstraße, heute Otto-Wels-Straße. (Bildnachweis: Archiv Peter Voß)
Die 90 Jahre alte Aufnahme zeigt die Landwehrstraße, heute Otto-Wels-Straße. (Bildnachweis: Archiv Peter Voß)

Im Stadtarchiv Hamm lagern interessante Akten aus der Entstehungszeit der Rünther Zechenkolonien, die die Vergabe von Straßennamen im Ort dokumentieren. In den ersten Jahren nach Gründung der Siedlungen bekamen die Häuser nämlich nur eine Nummer, dabei ging man chronologisch vor. Das sorgte für ein ziemliches Durcheinander, wenn Häuser in unterschiedlichen Ecken der Gemeinde entstanden. Straßenbezeichnungen wurden tatsächlich erst ab Dezember 1910 nach und nach eingeführt. In einem alten Adressbuch der Gemeinde Rünthe aus dem Jahre 1914 sucht man sie noch vergeblich. Die Auswahl der Straßenwidmungen traf die Direktion der Zeche Werne, schließlich befanden sich die Zechensiedlungen inklusive der Wege in ihrem Besitz und wurden quasi als exterritoriales Gebiet betrachtet. Daher rührt auch die Bezeichnung "Kolonie". Für einige Jahre galten die neuen Straßennamen mit den alten Hausnummern. Das führte zu dem Kuriosum, dass es beispielsweise die Westfalenstraße 219 oder die Querstraße 287 gab. Erst später erfolgte die Ordnung so, wie wir sie heute kennen. Dass die Zechenverwaltung bei den Straßenbezeichnungen bergmännische Begriffe verwendete, liegt auf der Hand. Glückauf-, Knappen-, Schacht-, oder Schlägelstraßen finden sich aus den gleichen Gründen in vielen Ortschaften des Ruhrgebiets, die alle durch den Bergbau geprägt wurden. Eine Besonderheit war die Salzstraße, die mit dem Bau des Datteln-Hamm-Kanals geteilt wurde. Heute heißt der obere Teil Nördliche Salzstraße, der untere Südliche Salzstraße. An der Wierlingstraße gab es ursprünglich eine Brücke über den Kanal. Nach einigen Jahren entwickelte sich das Bauwerk für die immer größer werdenden Schiffe zum Nadelöhr. Deshalb wurde sie wieder abgerissen.

Die Beverstraße hieß früher Waldstraße. (Bildnachweis: Archiv Peter Voß)
Die Beverstraße hieß früher Waldstraße. (Bildnachweis: Archiv Peter Voß)

Nach dem Zusammenbruch der Hohenzollern-Monarchie fand im Jahre 1919 eine erste Umwidmung statt: Aus der Kaiserstraße wurde die Overberger Straße, die Bismarckstraße wurde zur Kanalstraße und die Moltkestraße zum Sandbochumer Weg. Mit Preußens Gloria war nun auch in der Bergbaugemeinde Schluss. Weitere Umbenennungen fanden erst wieder 1933 in der NS-Diktatur statt. Die Nazis verpassten damit vielen deutschen Kommunen ihren Stempel. In Rünthe wurde die Overberger Straße zur Adolf-Hitler-Straße, der Friedrich-Ebert-Platz zum Adolf-Hitler-Platz und die Schulstraße zur Hermann-Göring-Straße. Außerdem wurden weitere Umwidmungen vorgenommen: Schlageterstraße (Heideweg), Johann-Phillipp-Palm-Straße (Grenzstraße), Josef-Wagner-Straße (Urnenstraße), Bismarckstraße (Kanalstraße) und Freiherr-vom-Stein-Straße (Stichstraße). Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft erhielten alle Straßen wieder ihren alten Namen.

 

Vor der Gründung der Stadt Bergkamen musste sich die Altgemeinde im Jahre 1965 erneut Gedanken um ihre Straßenbezeichnungen machen, um Doppelungen im künftigen Stadtgebiet zu vermeiden. Der Rünther Gemeinderat beschloss deshalb, Änderungen vorzunehmen. Aus der Barbarastraße wurde die Taubenstraße, aus der Waldstraße die Beverstraße, aus der Schulstraße die Rünther Straße, aus der Landwehrstraße zunächst die Friedrich-Ebert-Straße, später dann Otto-Wels-Straße. Fast vergessen ist, dass die Martin-Luther-Straße einmal Jahnstraße hieß und der Schwarze Weg die Schillerstraße war. Ältere Einwohner konnten sich daran nur schwerlich gewöhnen. Sie verwendeten weiterhin die ursprünglichen Straßennamen und pfiffen auf die Umbenennungen.

Von langer Tradition sind volkstümliche Bezeichnungen. Den Zechenplatz hat es als offiziellen Straßennamen in Rünthe nie gegeben, trotzdem sprechen viele Rünther bis heute davon, wenn sie das Areal am Schacht III meinen. Wahrscheinlich etablierte sich der Begriff schon mit der Teufung im Jahre 1912. Das gilt auch für die „Froschecke“, womit das Karree am Beginn der Westfalenstraße gemeint ist. Vor dem Bau der Kolonie Rünthe-Süd dürfte das feuchte Gelände unweit der Bever ein Tummelplatz für Frösche gewesen sein. Die Halde gab es damals noch nicht. Die Ecke Overberger Straße/Westfalenstraße wurde jahrzehntelang „Konsumplatz“ genannt. Im dortigen Geschäftshaus war über viele Jahre ein Zechenkonsum beheimatet. Auf der Fläche vor dem Laden fanden noch in den 1950er Jahren kirmesähnliche Feste statt. Leider sind davon keine historischen Aufnahmen in den Archiven zu finden.

Das Luftbild aus dem Jahre 1926 zeigt die Kanalbrücke an der Wierlingstraße. (Bildnachweis: Regionalverband Ruhr, CC BY-NC-SA 4.0)
Das Luftbild aus dem Jahre 1926 zeigt die Kanalbrücke an der Wierlingstraße. (Bildnachweis: Regionalverband Ruhr, CC BY-NC-SA 4.0)