Ruhraufstand: Das Schicksal der Anna Kalina

 

Vor genau 100 Jahren zog die Rote Ruhrarmee in Rünthe ein. Damit erreichte der Aufstand der Arbeiterschaft des Ruhrgebiets die kleine Bergbaugemeinde zwischen Bever und Lippe. Für die Bevölkerung brachen unruhige Tage herein, deren tragischer Höhepunkt die Erschießung der erst 27-jährigen Anna Kalina beim Hof Schulze-Elberg war. Das Schicksal der jungen Frau ist heute beinahe vergessen, dabei ist sie das einzige bekannte Todesopfer im Ort. Ihre Geschichte gibt einige Rätsel auf.

Die Gaststätte Fischer (später Kuhlmann) im Jahre 1920. (Bildnachweis: Sammlung u. Archiv Peter Voß)
Die Gaststätte Fischer (später Kuhlmann) im Jahre 1920. (Bildnachweis: Sammlung u. Archiv Peter Voß)

Ende März 1920 erreichten die Kämpfer der Roten Ruhrarmee die Gemeinde Rünthe und besetzten die Gasthäuser Borgschulte an der Lippebrücke und Fischer am Hellweg, um dort Quartier zu beziehen. Am 29. März 1920 traten 1.270 Bergleute am Schacht III in den Streik, um den Forderungen der Arbeiterbewegung Nachdruck zu verleihen. In den Rünther Zechenkolonien, damals eine Hochburg der Kommunisten, schlossen sich zahlreiche Männer den Rotarmisten an. Durch alte Akten des Amtes Pelkum sind ihre Namen überliefert: Fritz Franke, Otto und Fritz Graumann, Heinrich Gölzer, Paul Kirmse, Otto und Josef Kobs, Karl Kramer, Fritz Kunze, Bruno Meier, Richard Teicher, Wilhelm Rademacher, Karl Rogge, Wilhelm Schwan und viele mehr. Schließlich folgten am 1. April die Kämpfe zwischen der Ruhrarmee und den Truppen des Freikorps Oberst Ritter von Epp. Nach der Schlacht bei Pelkum, die den Rotarmisten eine vernichtende Niederlage brachte, rückte das Freikorps Richtung Westen vor und nahm auch die Gemeinde Rünthe ein, wo nun die Soldateska wütete.

Anna Kalina wohnte in der Barbarastraße in Rünthe. (Bildnachweis: Sammlung u. Archiv Peter Voß)
Anna Kalina wohnte in der Barbarastraße in Rünthe. (Bildnachweis: Sammlung u. Archiv Peter Voß)

Ihr Opfer wurde am Karfreitag, 2. April 1920 die 27-jährige Anna Kalina, die von einem Standgericht zum Tode verurteilt wurde. Ihr wurde zum Vorwurf gemacht, als Arbeiter-Samariterin verletzte Kämpfer der Ruhr-armee medizinisch versorgt zu haben. Die Erschießung fand nachmittags um 15 Uhr vor der Scheune des Bauern Schulze-Elberg am heutigen Ostenhellweg statt. Kalina war erst wenige Wochen zuvor nach Rünthe gekommen und in der Barbarastraße (heute Tauben-straße) gemeldet. Aus welchem Grund die junge Frau in die Bergbaugemeinde kam, ist nicht überliefert. Möglicherweise waren es verwandtschaftliche Be-ziehungen, denn Kalina kam, wie viele andere Einwohner zu dieser Zeit, von Hettstedt aus nach Rünthe. In alten Lokalzeitungen sind keine Berichte über das tragische Ereignis beim Hof Schulze-Elberg zu finden, doch ist bekannt, dass viele Arbeiter-Samariterinnen, die sich im gesamten Ruhrgebiet um verwundete Ruhrkämpfer kümmerten, Opfer der Freikorps- und Reichswehrtruppen wurden, die ihren Hass auf die Frauen regelrecht austobten. Sie starben bei Kampfhandlungen, wurden mit dem Gewehrkolben erschlagen oder standrechtlich erschossen. In zeitgenössischen Briefen und Berichten der Reichswehrsoldaten werden die Frauen als Furien, proletarische Huren oder Flintenweiber entmenschlicht. Ihr Schicksal ist heute nur eine Randnotiz der Geschichtsschreibung und wenig erforscht, während für die gefallenen Männer bereits in den 1920er Jahren in vielen Städten des Ruhrgebiets Ehrenmale errichtet wurden. Auch auf dem Friedhof in Bergkamen findet sich ein Denkmal für die Ruhrkämpfer.

Auszug aus der Sterbeurkunde. (Quelle: Stadtarchiv Bergkamen)
Auszug aus der Sterbeurkunde. (Quelle: Stadtarchiv Bergkamen)

In Rünthe blieb zumindest das Urnengrab der Anna Kalina für viele Jahrzehnte erhalten. Möglicherweise gab es dazu einen Beschluss des Gemeinderats der Altgemeinde, um das Andenken an die junge Frau zu ehren. Doch das ist spekulativ. Rätselhaft ist, dass im Bestattungsbuch des Rünther Friedhofs aus dem Jahre 1920 kein Eintrag für sie zu finden ist. Auch die Kirchenbücher der katholischen Kirchengemeinde enthalten keinen Vermerk. Im Stadtarchiv weiß man, dass das Urnengrab noch Mitte der 1980er Jahre bestanden haben soll. Auch Bergkamens Altbürgermeister Wolfgang Kerak, der in Rünthe aufgewachsen ist und den Ort wie seine Westentasche kennt, kann sich an das Grab erinnern. "Im Ortsverein der SPD haben Männer wie Ernst Raupach oder Fritz Mertens noch lange Jahre die Geschichte von Anna Kalina erzählt", weiß er zu berichten. Wann und warum das Urnengrab eingeebnet wurde, ist ein weiteres Rätsel. Hannelore Schütrumpf von der früheren Friedhofsgärtnerei hat eine Vermutung: "Beim Abriss der alten Trauerhalle vor zehn Jahren sind einige sehr alte Gräber oder Grabplatten, die gleich neben dem Gebäude lagen, entfernt worden. Vielleicht war das Urnengrab mit dabei." Vom tragischen Schicksal der jungen Frau zeugt heute nur noch die Sterbeurkunde und eine alte Meldekarte aus der Registratur der Altgemeinde Rünthe. Die Archivalien befinden sich im Bergkamener Stadtarchiv. Gelegentlich finden sich Hinweise auf Anna Kalina in der geschichtswissenschaftlichen Fachliteratur.

Mit Wilhelm Schwan wurde ein weiterer Einwohner der Gemeinde zum Tode verurteilt, doch gelang ihm frühzeitig die Flucht in den französisch besetzten Teil des Ruhrgebiets. Dort hatte die Reichswehr keine Befugnisse. Schwan hatte bereits nach dem Zusammenbruch der Hohenzollern-Monarchie als Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats im Altkreis Hamm, Vorläufer des heutigen Kreises Unna, politisch Karriere gemacht. Für die USPD wurde er im März 1919 in den Rünther Gemeinderat gewählt. Beim Ruhraufstand gehörte er im östlichen Ruhrgebiet zur Kampfleitung der Roten Ruhrarmee. Dafür verurteilte ihn ein Kriegsgericht in Abwesenheit zum Tode. In Duisburg begann sein Aufstieg bei den Kommunisten. Schwan gehörte von 1924 bis 1928 als Abgeordneter dem Reichstag an und schaffte es innerhalb der KPD an der Seite von Ernst Thälmann ins Politbüro, der obersten Führung der Partei. In die Bergbaugemeinde kehrte er nie wieder zurück. Er starb 1960 in Ost-Berlin.

 

Die Seilfahrt am Schacht III wurde am 6. April 1920 wieder aufgenommen. Anfang Mai wurden die Truppen der Reichswehr aus Rünthe abgezogen. Die Arbeiterschaft in den Zechenkolonien blieb von den Ereignissen rund um den Ruhraufstand für Jahrzehnte geprägt.