Ein Glücksfall der Geschichte: Das sächsische Erbe der Gemeinde Rünthe

Auf Schacht 3 in Rünthe arbeiteten viele Bergleute aus dem Mansfelder Land. Die Aufnahme zeigt die Anlage im Jahre 1920.  (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)
Auf Schacht 3 in Rünthe arbeiteten viele Bergleute aus dem Mansfelder Land. Die Aufnahme zeigt die Anlage im Jahre 1920. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)

 

Ein Bergarbeiterstreik im fernen Mansfelder Land vor 110 Jahren hatte beachtliche Folgen für die Entwicklung der Bergbaugemeinde Rünthe. Nach dem Massenstreik, der am 4. Oktober 1909 begann und für sechs Wochen andauerte, verloren viele Kumpel aus dem Kupferbergbau der damals noch sächsischen Provinz ihre Arbeit. Von Armut und Not bedroht, machten sich die Bergleute mit ihren Familien auf den Weg ins Ruhrgebiet, wo man sich bessere Chancen für ein auskömmliches Leben versprach. Immerhin galt das Kohle- und Stahlrevier zu dieser Zeit im Deutschen Reich als Hotspot der Industrialisierung.

Wie die Männer aus Burgörner, Eisleben, Hettstedt oder Ziegelrode ausgerechnet auf die kleine Gemeinde Rünthe aufmerksam wurden, ist nicht überliefert und bleibt ein Fragezeichen in der Ortsgeschichte. Ganz fremd wird ihnen das östliche Ruhrgebiet aber nicht gewesen sein. Die Mansfelder Kupferbergwerke hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts aussichtsreiche Kohlefelder in Hamm-Heessen erworben, um dort ab 1912 die Zeche Sachsen zu betreiben. Die Ausweitung des Kohlereviers gen Norden war eine Entwicklung, die überall mit Interesse verfolgt wurde. Möglicherweise hatte es sich herumgesprochen, dass die unweit von Heessen gelegene Zeche Werne Expansionspläne verfolgte und einen dritten Schacht in Rünthe abteufen wollte. Auf dem Gebiet südlich der Schächte I/II hatte man ein vielversprechendes Kohlevorkommen entdeckt. Zugleich wurde bis 1911 der Siedlungsbau mit der Kolonie Rünthe-Süd vorangetrieben. Arbeit und Wohnraum waren für die Bergleute aus Sachsen gewiss zwei entscheidende Faktoren auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Umgekehrt dürften die im Kupferbergbau erfahrenen Gesteinshauer mit offenen Armen im Ruhrgebiet empfangen worden sein. Schließlich erreichte der Personalbedarf der Zechen im Kohlerevier ungeahnte Höhen. Vorstellbar ist, dass die sächsischen Bergleute von der Zechenverwaltung in Werne gezielt angeworben wurden, eine im Bergbau für Jahrzehnte gängige Methode der Personalgewinnung.

Paul Prinzler war Bürgermeister der Gemeinde Rünthe, geboren wurde er in Hettstedt. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)
Paul Prinzler war Bürgermeister der Gemeinde Rünthe, geboren wurde er in Hettstedt. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)

Die Kumpel aus dem Mansfelder Land bildeten mit ihren Familien eine der größten Einwohnergruppen in den Zechenkolonien von Rünthe. Familiennamen, die heute als "Ureinwohner" gelten, führen auf diese sächsische Herkunft zurück: Busse, Bösel, Exner, Graumann, Gölzer, Horlbogen, Prinzler, Rudloff, Sturm und Wangemann, um nur einige zu nennen. Sie alle haben das Leben in der jungen Bergbaugemeinde geprägt. Das lag nicht nur an ihrer zahlenmäßigen Größe, sondern auch am kommunalpolitischen Engagement einiger Landsmänner. An ihrer Spitze stand Paul Prinzler, der von 1945 bis zu seinem Tod im Jahre 1963 Bürgermeister von Rünthe war. Im Ort ist er noch immer unvergessen. Prinzler wurde 1899 in Hettstedt geboren und erlebte als Kind den großen Bergarbeiterstreik, der vom Militär blutig niedergeschlagen wurde. Für ihn und andere Kommunalpolitiker, deren familiäre Wurzeln in der Provinz Sachsen lagen, waren diese konkreten Erfahrungen von der Entrechtung der Arbeiterschaft und von großer Not der Antrieb für ein besseres Leben in der neuen Heimat. Einen besonderen Ruf hatten die sächsischen Bergleute auch in der Zechenverwaltung. Der 92-jährige Dr. Hans Küsel, ab 1955 Justiziar der Klöckner Bergbau AG, erinnert sich: "Wenn wir im Büro über den Schacht III sprachen, dann redeten wir immer von den Sachsen. Damit war die Belegschaft in Rünthe gemeint. Ich glaube, dass wir in Altenbögge von den Ruhrpolen sprachen und in Heeren von den Westfalen."

Landsmannschaftliche Zugehörigkeiten spielen in den früheren Zechenkolonien schon lange keine Rolle mehr. Im Laufe von Generationen hat sich eine eigene Identität entwickelt, die mit dem Ruhrgebiet verknüpft ist. Trotzdem darf man die sächsischen Bergleute, die hauptsächlich in den Jahren von 1910 bis 1912 nach Rünthe kamen, als Glücksfall der Geschichte bezeichnen. Ohne die Familien aus dem Mansfelder Land wäre der Ort sicher nicht das geworden, was er heute ist. Gleich nach dem Fall der Mauer vor dreißig Jahren wurden alte Verbindungen wieder aufgenommen und neue Kontakte geknüpft. Im Jahre 1990 wurde die Städtepartnerschaft zwischen Bergkamen und Hettstedt begründet. Erst kürzlich war eine Abordnung des Schützenvereins dort zu Besuch. Alte verwandtschaftliche Bindungen lassen sich durch einen Blick ins Hettstedter Telefonbuch erahnen. Darin finden sich viele Familiennamen, die auch in Rünthe so vertraut klingen. Das sächsische Erbe der Altgemeinde ist bis heute lebendig.