Bauwerk mit Geschichte: Die Lippebrücke zwischen Rünthe und Werne

Die Gaststätte "Zur Lippebrücke" war eine Mautstation mit Schlagbaum. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)
Die Gaststätte "Zur Lippebrücke" war eine Mautstation mit Schlagbaum. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)

 

Die Lippebrücke zwischen Werne und Rünthe hat eine lange Geschichte. Derzeit ist das Bauwerk wieder im Blickpunkt des öffentlichen Interesses, weil bis 2021 ein Neubau erfolgen soll. Kommunalpolitik und Landesbehörden ringen um die Vermeidung von Beeinträchtigungen für die Ortschaften. Stadtarchivar Martin Litzinger weiß, dass das erste Brückenbauwerk 1865 errichtet wurde: "Damals wollte sich die Stadt Werne die Baukosten mit der Altgemeinde Rünthe teilen. Aber die kleine Bauernschaft war bettelarm und konnte sich ein solches Bauprojekt nicht leisten." In der Folge baute die Stadt die Lippebrücke auf eigene Kosten und führte zur Refinanzierung eine Maut ein. Die Gebühr musste im Gasthof "Zur Lippebrücke" entrichtet werden. Das Wirtshaus wurde eigens als Mautstation gebaut und von Wilhelm Borgschulte betrieben. Ein Schlagbaum versperrte die Zufahrt zur Brücke. "Fußgänger mussten 2 Pfennig an Gebühr entrichten, Radfahrer 4 Pfennig, einspännige Fuhrwerke 15 Pfennig und ein Zweispänner 20 Pfennig", berichtet Martin Litzinger, "Und wer beim Wirt für 5 Pfennig einen Schnaps trank, brauchte keine Maut zu bezahlen." Tatsächlich blieb die Gebührenpflicht bis 1911 bestehen, dann ging die gesamte Straßenstrecke in das Eigentum der Provinz Westfalen über.

Das Gasthaus im Jahre 1935. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)
Das Gasthaus im Jahre 1935. (Bildnachweis: Stadtarchiv Bergkamen)

 Der Bau der Zechenkolonie Rünthe-West zu Beginn der 1920er Jahre wurde für den Gastwirt zum guten Ausgleich für den Verlust des Mautgeschäfts. Sein Lokal erhielt nun eine neue Funktion und wurde zum geselligen Treffpunkt für den Ortsteil. In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 wurde das Brückenbauwerk von Wehrmachtsverbänden gesprengt, um das Vordringen amerikanischer Streitkräfte von Werne aus zu verhindern. Beim Vormarsch auf Rünthe, der nicht ohne Widerstand ablief, wurde die Gastwirtschaft von einer Brandgranate getroffen. "Der alte Fachwerkbau brannte völlig ab", weiß Stadtarchivar Litzinger. In den Nachkriegsjahren erfolgte der Wiederaufbau des Lokals, wie es viele Einwohner noch kennen. Im deutschen Wirtschaftswunder erfreute sich das Gasthaus großer Beliebtheit bei den durstigen Bergleuten in der Kolonie Rünthe-West. Bis heute hält sich im Ort das Gerücht, dass halbstarke Jugendliche aus der Kolonie zu dieser Zeit ein "Wegegeld" kassierten, wollte man die Lippebrücke von Werne kommend unbehelligt passieren. Als geschäftsförderlich erwies sich für die Wirtsleute eine Bushaltestelle, die die VKU direkt vor dem Lokal errichtete. Für manchen Fahrgast endete die Busfahrt feucht-fröhlich in der Kneipe.

 

Über ein Jahrhundert war das Wirtshaus der Familie Borgschulte an der Lippebrücke in Rünthe ein fester Begriff. Gegen Ende der 1980er Jahren aber hatte die traditionsreiche Gaststätte ihre beste Zeit hinter sich. Nach einigen Jahren des Leerstands wurde der Bau 1993/1994 zusammen mit einer benachbarten Tankstelle abgerissen, um auf dem gesamten Areal Platz für die Ansiedlung eines Lebensmittel-Discounters zu schaffen.

Über die Lippebrücke donnert auch heute noch der Verkehr. Als Bundesstraße ist die Strecke eine wichtige Verkehrsader der Region. Der Brückenbau vor mehr als 150 Jahren war demnach eine weitsichtige Entscheidung.