Geschichte der Böggefeld-Siedlung

Böggefeld-Siedlung in Rünthe Anfang der 1950er Jahre.
Die Böggefeld-Siedlung nach der Fertigstellung im Jahre 1953. (Bildnachweis: Westf. Wirtschaftsarchiv, Signatur N 21)

 

Die Böggefeld-Siedlung gehört zu den jüngeren Straßenzügen in der früheren Gemeinde Rünthe. Erst zu Beginn der 1950er Jahre erbaut, ist sie keine Zechenkolonie im klassischen Sinne, obwohl die Klöckner-Werke als damaliger Betreiber der Zeche Werne die Häuser errichteten. Für die Bergleute und ihre Familien entstanden insgesamt 103 Wohneinheiten, in der Regel vier Wohnungen je Haus.

 

Ältere Einwohner werden sich daran erinnern, dass die Siedlung zum Zwecke der Nahversorgung sogar über ein kleines Lebensmittelgeschäft verfügte. Der Laden wurde von der Familie Jorden betrieben. Der Straßenname führt darauf zurück, dass sich die Siedlung auf den ehemaligen landwirtschaftlichen Flächen des Bauern Schulte-Bögge befindet. In alten Steuerbüchern der Grafschaft Mark ist der Hof schon 1486 als "Schult van Bugge" nachweisbar. Den landwirtschaftlichen Betrieb mit seinen Ländereien hatte die Zeche Werne bereits 1912 erworben und über Jahre an den Pächter Giesen vermietet. Heute befindet sich dort das bekannte Ausflugslokal „Forellenhof“. Das gesamte Anwesen wurde 1997 aus einer Zwangsversteigerung von der Familie Schaumann erworben, die das historische Wohngebäude mit viel Herzblut restaurierte und noch heute bewohnt.

Von einer regen Bautätigkeit zu Beginn der 1950er Jahre kann Stadtarchivar Martin Litzinger berichten: "Neben der Böggefeld-Siedlung entstanden in dieser Zeit auch die Ketteler- und die Wichernsiedlung sowie einige Häuser in der Grenzstraße. Die große Wohnungsnot der Nachkriegsjahre war noch nicht überwunden, vor allem aber setzte das Wirtschaftswunder ein. Die Leute nutzen das, um sich Eigentum zu schaffen. Es ging wieder aufwärts." Für die Altgemeinde Rünthe hatte der Siedlungsbau zur Folge, dass die Einwohnerzahl rasch anstieg und die Marke von 8.000 überschritt. "Zu keinem Zeitpunkt lebten in Rünthe mehr Menschen, als in den Jahren 1955 und 1956", erklärt Litzinger. Doch mit dem Ende der Kohleförderung am Schacht III ging kurze Zeit später auch die Einwohnerzahl wieder zurück. "Rünthe ist ein Beispiel dafür, wie sehr die Gemeinden im Ruhrgebiet vom Bergbau abhängig waren."

Die Böggefeld-Siedlung aus der Vogelperspektive. (Foto: Manuel Izdebski)
Die Böggefeld-Siedlung aus der Vogelperspektive. (Foto: Manuel Izdebski)

Für die Klöckner-Werke war die Böggefeld-Siedlung das letzte große Investitionsprojekt im Wohnungsbau der Altgemeinde. Auch für den Erhalt der vielen anderen Zechenhäuser sollte die Bergwerksgesellschaft in den folgenden Jahren keinen nennenswerten Beitrag mehr leisten. So befanden sich die Arbeitersiedlungen in Rünthe Anfang der 1970er Jahre in einem desolaten Zustand. Erst mit der Privatisierung der Häuser und der vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten Stadtteilsanierung wurden die Kolonien ab 1975 wieder auf Vordermann gebracht. "Das war keine Selbstverständlichkeit", weiß Stadtarchivar Martin Litzinger "In anderen Städten des Ruhrgebiets hat man die Zechenhäuser einfach abgerissen und Betonsiedlungen gebaut." Das Sanierungsprogramm in Rünthe aber wurde beispielhaft für den Erhalt und die Modernisierung der alten Zechenkolonien und machte viele Bergleute zu stolzen Besitzern eines Eigenheims. So gingen auch im Böggefeld die Häuser zumeist in das Eigentum der Familien über, die dort seit Jahren zur Miete wohnten. Auf dem früheren Hof Schulte-Bögge, dem die Siedlung ihren Namen verdankt, geben sich heute Radtouristen aus Nah und Fern ein Stelldichein. Das Ausflugslokal liegt passenderweise an der Route der Industriekultur. Davon hat Rünthe mit seiner Bergbauhistorie viel zu bieten.

 

(Die historischen s/w-Fotografien stammen aus dem Westf. Wirtschaftsarchiv in Dortmund)

Der Hof Schulte-Bögge im Jahre 1916. Als Vorlage für die Zeichnung diente eine alte Fotografie. (Bildnachweis: Fam. Schaumann)
Der Hof Schulte-Bögge im Jahre 1916. Als Vorlage für die Zeichnung diente eine alte Fotografie. (Bildnachweis: Fam. Schaumann)